Studie: «Do they Play or Flirt? 'Pawsitive' Correlations of Castration Status and Social Behaviour of Male Dogs
(Canis lupus familiaris)» von Carina A. Kolkmeyer & Udo Ganslosser, 2024
Wenn dein kastrierter Rüde plötzlich zum Mittelpunkt wird
Kennst du das? Du kommst mit deinem kastrierten Rüden auf den Hundeplatz, und innerhalb
von Sekunden klebt ein intakter Rüde an ihm wie ein Magnet. Intensives Beschnüffeln,
Bedrängen, Verfolgen – und dein Hund? Der zieht sich zurück, legt die Ohren seitlich an,
hechelt. Du denkst: «Ach, die spielen halt.» Oder: «Mein Hund ist einfach schlecht sozialisiert.»
Dieses Gefühl nimmst du mit nach Hause, wie einen kleinen Stachel, der unter der Oberfläche
piekt.
Ich kann dir sagen: Es ist weder Spiel noch schlechte Sozialisation. Es ist etwas, das die
Wissenschaft jetzt mit Zahlen belegen kann.
Eine aufwändige Verhaltensstudie von Carina A. Kolkmeyer und Udo Ganslosser – «Do they
Play or Flirt? 'Pawsitive' Correlations of Castration Status and Social Behaviour of Male Dogs»
– hat genau hingeschaut. Die Forschenden filmten 44 Rüden, je zur Hälfte kastriert und intakt,
in Vierergruppen. Jede Gruppe bestand aus zwei kastrierten und zwei intakten Rüden. Jede
Verhaltenssequenz wurde mit einem sogenannten Ethogramm ausgewertet – einer Art
Verhaltenskodex, der genau definiert, was als Spiel, was als Balz und was als Stress gilt.
Zusätzlich füllten die Halterinnen und Halter einen Persönlichkeitsfragebogen aus.
Zwei unabhängige Datenquellen also. Und beide sagten dasselbe.
Was die Kameras zeigten, war eindeutig: Intakte Rüden richteten Verhaltensweisen, die
normalerweise zur Balz gegenüber läufigen Hündinnen gehören, intensiv an kastrierte
Artgenossen. Anal- und Genitalregion beschnüffeln, Aufreiten versuchen, Kinnauflegen, enge
Körperkontakte erzwingen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Muster nur durch Zufall
entstanden? Unter 0.1 Prozent. Und das Genitalienablecken – ein Verhalten, das
normalerweise nur bei läufigen Hündinnen vorkommt – trat ausschliesslich gegenüber
kastrierten Rüden auf.
Kurz gesagt: Kastrierte Rüden riechen anders. Und dieser Geruch wird von intakten Rüden als
sexuell relevant interpretiert. Die Folge? Belästigung, Stress, Verunsicherung.
Warum? Nach einer Kastration fällt Testosteron weg – und damit ein wichtiger
Regulationsfaktor für viele andere Hormone. Cortisol, das Stresshormon, steigt relativ an, weil
Testosteron normalerweise dessen Wirkung bremst. Gleichzeitig sind weniger
Oxytocin-Rezeptoren aktiv, jenes Hormon, das für soziale Bindung und Sicherheitsgefühl
zuständig ist. Dazu kommt: Hunde kommunizieren intensiv über Geruch. Die Drüsensekrete in
Analdrüsen und Urin verraten viel über den Hormonstatus. Wird ein Rüde in den
Frühjahrsmonaten kastriert, kann sein Geruchsprofil auf einem Niveau «eingefroren» werden,
das für andere Rüden als hochattraktiv gilt – ähnlich wie bei einer läufigen Hündin kurz vor der
Paarungsbereitschaft.
Was das für deinen Alltag bedeutet – und warum Erkennen der erste Schritt ist
Die Videoauswertung zeigte auch die andere Seite der Medaille: Kastrierte Rüden wirkten
deutlich gestresster als intakte Tiere. Mehr seitlich angelegte Ohren, häufigeres Hecheln, öfter
Schutz suchen. Und wenn der Druck zu gross wurde? Reagierten manche mit Aggression –
nicht weil sie aggressiver sind, sondern weil sie sich verteidigen wollten. Diese Aggression
richtete sich manchmal sogar gegen unbeteiligte Artgenossen. Chronischer Stress macht
unberechenbar – das kennen wir von uns selbst, wenn der Arbeitstag zu lang war und wir beim
Autofahren plötzlich die Nerven verlieren.
Die Halterinnen und Halter bestätigten das Bild unabhängig von den Videos: Kastrierte Rüden
wurden als emotional weniger stabil eingeschätzt (Median 3.5 gegenüber 6 bei intakten
Hunden) und als weniger gesellig (Median 5.5 gegenüber 8). Bei Trainierbarkeit und
Extraversion gab es keine Unterschiede.
Eine besonders spannende Beobachtung der Studie: Hunde, die im Frühling kastriert wurden,
waren besonders häufig betroffen. Das deckt sich mit der Theorie, dass saisonale
Schwankungen im Duftstoffprofil nach der Kastration dauerhaft auf einem attraktiven Niveau
eingefroren werden können. Der Zeitpunkt der Kastration spielt also möglicherweise eine Rolle.
Wenn du jetzt denkst: «Das beschreibt meinen Hund» – dann atme erstmal durch (ganz im
Sinne der Achtsamkeit). Die gute Nachricht ist: Wenn du erkennst, was da passiert, kannst du
schützend eingreifen. Du kannst Situationen entschärfen, bevor dein Hund das selbst tun
muss. Du kannst ihm aus einer Begegnung herausnehmen, bevor sie eskaliert. Du kannst
seine Signale lesen und als das sehen, was sie sind: nicht Fehlverhalten, sondern ein Hilferuf.
Die Studie macht klar: Eine Kastration ist kein neutraler Eingriff, der Hunde friedlicher,
einfacher oder sozialer macht. Sie verändert das Hormongleichgewicht nachhaltig – mit
Konsequenzen für Verhalten, Persönlichkeit und soziale Attraktivität. Das heisst nicht, dass
eine Kastration immer falsch ist. Es gibt gute medizinische und individuelle Gründe dafür. Aber
es heisst, dass die Entscheidung gut überlegt, individuell abgewogen und wenn möglich mit
Fachleuten besprochen werden sollte.
Wie das Forschungsteam es zusammenfasst: Die Kastration sollte individuell entschieden
werden. Mögliche negative Auswirkungen und unerwartete Überraschungen lassen sich so
minimieren.